Die Beweiswürdigung
Analyse – Bekommen TäterInnen wirklich mehr Aufmerksamkeit als die Opfer?
In der Berichterstattung über Gewaltverbrechen fällt auf, dass der Fokus häufig auf den Hintergründen der TäterInnen liegt¹, während die Leiden und langfristigen Auswirkungen auf die Opfer weniger Raum einnehmen. Dieses Ungleichgewicht lässt sich durch eine Kombination aus psychologischen, medialen und strukturellen Faktoren erklären.
TäterInnen erzählen, Opfer erleben
Täterbiografien besitzen eine inhärente narrative Struktur: Sie enthalten Konflikte, Wendepunkte, mögliche Erklärungen. Sie erlauben es RezipientInnen, komplexe Ereignisse in Ursache-Wirkung-Ketten zu denken und vermeintlich Kontrolle über Chaos herzustellen.
Aus analytischer Sicht stärkt das die Wahrnehmung von Verbrechen als erklärbar und damit konsumierbar, auch wenn komplexe Inhalte oder psychologische Tiefe die Folge nicht notwendigerweise wahrscheinlicher oder nützlicher machen.
Dem gegenüber stehen Opfererfahrungen, die oft durch langfristige Folgen wie posttraumatische Belastungsstörungen geprägt sind und keine einfache Auflösung bieten. Erlebnisse von Betroffenen werden nicht selten medial nur am Rande dargestellt oder gar vollständig ausgelassen², weil sie nicht den dramaturgischen Mustern entsprechen, die klassische True-Crime-Formate bevorzugen.
Dies zeigt auch ein aktueller Bericht des WEISSEN RING e. V., der die „dunkle Seite des True-Crime-Booms“ analysiert: Für Betroffene wie Claudia Gerds hat die Teilnahme an einem Podcast rückwirkend Trauma wieder aktiviert und alte Ängste neu entfacht². Obwohl sie den Vorfall selbst objektiv schilderte, führte die mediale Reproduktion zu Schlafstörungen, Ängsten und körperlichen Beschwerden.
Medienlogik, Marktmechanismen und Verantwortung
True Crime boomt: Millionen von Suchergebnissen bei Online-Plattformen lassen erahnen, wie stark das Genre gewachsen ist. Medienhäuser profitieren wirtschaftlich davon, besonders wenn Kriminalfälle bereits bekannt oder abgeschlossen sind. Doch genau hier liegt aus Sicht des WEISSEN RINGS ein Problem: Viele Formate wiederholen alte Fälle ohne klaren Aufklärungszweck, sondern allein aus erzählerischem Interesse².
Andere Analysen zeigen, dass in einem großen Teil der True-Crime-Produktionen Gewaltverbrechen im Fokus stehen, die statistisch gesehen eine kleine Minderheit aller Straftaten darstellen, obwohl andere Delikte für die Bevölkerung im Alltag relevanter wären.
Ein medienethischer Streitpunkt ist dabei das Informationsinteresse der Öffentlichkeit vs. das Persönlichkeits- und Opferschutzrecht Betroffener. Der Pressekodex untersagt „unangemessen sensationelle Darstellung“, doch die Praxis zeigt oft ein klares Gefälle: Selten werden Angehörige gefragt, ob und wie ihre Geschichte erzählt werden darf, und häufig bleiben ihre Perspektiven ungehört³.
Zwiespältige Effekte
Die Analyse muss auch dem Gegenargument Raum geben: Für manche Betroffene ist True-Crime-Berichterstattung hilfreich. Sie erleben, dass die öffentliche Auseinandersetzung mit einem Fall ihr Verständnis der Justiz oder ihren persönlichen Verarbeitungsprozess unterstützt⁴. Solche Fälle zeigen, dass True Crime nicht per se schädlich sein muss, sondern je nach Kontext unterschiedlich wirken kann.
MedienforscherInnen betonen zudem einen potentiellen präventiven oder aufklärenden Nutzen von True Crime, etwa wenn das Publikum über Mechanismen von Gewalt aufgeklärt wird oder gesellschaftliche Risiken reflektiert². Dies müsse jedoch bewusst und verantwortungsvoll geschehen.
Fazit
Die Fokussierung auf Tätergeschichten in True-Crime-Formaten lässt sich durch narrative Zugänglichkeit und mediale Logik erklären, führt jedoch zu einer relativen Verdrängung von Opfer- und Angehörigenperspektiven. Der WEISSE RING e. V. zeigt am Beispiel des True-Crime-Booms, dass dieser Fokus für Betroffene nicht ohne Folgen bleibt und fordert eine stärkere Sensibilität für mediale Verantwortung. Gleichzeitig existieren positive Erfahrungen von Betroffenen, die in die Berichterstattung eingebunden werden.
Quellen:
1. Opferschutz: Die dunkle Seite des True-Crime-Boom. (2025, June 17). Weisser Ring Magazin. https://wr-magazin.de/themen/die-dunkle-seite-des-true-crime-booms/
2. True-Crime-Kritik: Ungefragt ausgenutzt. (2025, July 23). Weisser Ring Magazin. https://wr-magazin.de/themen/ungefragt-ausgenutzt/
3. Christian Solmecke erklärt, was True-Crime-Formate dürfen – und was nicht - Weisser Ring Magazin. (2025, March 29). Weisser Ring Magazin. https://wr-magazin.de/themen/christian-solmecke-erklaert-was-true-crime-formate-duerfen-und-was-nicht/
4. Wie gehen True-Crime-Formate mit Betroffenen um? (2025, July 25). Weisser Ring Magazin. https://wr-magazin.de/themen/wie-gehen-true-crime-macherinnen-mit-betroffenen-um/